• Wiebke

‚Zeit für mich' von Christine Fritz

Die Regentropfen küssen erst meine Stirn, streicheln meine Wagen und tropfen von meinem Kinn in Richtung Boden. Ich laufe die Straße entlang. Die Silhouetten der Häuser verschwinden im Dunst des abendlichen Nebels. Mir ist kalt. Ein verschmutzter Mundschutz liegt in der Regenrinne neben dem Gehweg wie so oft dieser Tage.

In was für Zeiten leben wir eigentlich? Es ist absurd wie Abstand als die neue Form von Nähe angepriesen wird. Wie mit jeder Umarmung die Angst vor Ansteckung einhergeht. Wie jede Gruppe ausgelassener Personen argwöhnisch beäugt wird. In was für Zeiten leben wir eigentlich? Wenn Freunde feststellen, dass sie sich die nächsten Monate nicht persönlich sehen werden, obwohl sie es könnten? Wenn Kinder ihre Eltern aus Fürsorge nicht mehr besuchen? In was für Zeiten leben wir eigentlich?

Der Mundschutz liegt immer noch verschmutzt in der Regenrinne. Meine Jacke ist längst durchnässt. Mein Pullover klebt feucht auf meinem Körper. Die Sonne ist untergegangen. Mir wird schwer ums Herz. Eine Träne verlässt meinen Augenwinkel. Ich gehe zum Ende der Straße, durch den Vorgarten zu Haustür. Schlüssel ins Schloss. Schlüssel umdrehen. Schuhe ausziehen. Jacke aufhängen. Pullover wechseln. Tee kochen.

Meinen Lieblingstee gegen die Kälte. Ich bin bei mir zuhause. Der Regen klopft rhythmisch gegen die Fensterscheibe. Ich freue mich über die Urigkeit meiner Wohnung. Dieser Advent wird irgendwie anderes: Keine Weihnachtsmärkte, kaum Weihnachtsfeiern. Nur Werbung wird es genauso viel geben wie jedes Jahr. Da kann in der ruhigen Vorweihnachtszeit tatsächlich einmal Ruhe einkehren.

Mein Tee ist mittlerweile fertig. Ich atme tief durch, zünde mir eine Kerze an, lege die Füße hoch, greife nach einem Buch und beginne zu lesen.

Nur ich, das Buch und Kerzenlicht: Endlich mal wieder Zeit für mich.

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