• Wiebke

Text der Siegerin des 2. digitalen Poetry-Slam

Text von Corinna Höfel

Kennst du das auch? Es brennt in deinem Bauch, zieht hoch bis in den Hals, und würde dir bald das Salz auf deinen Wangen trocknen lassen, wenn du deine Hände nicht zu Fäusten ballst.

Du kannst es kaum ertragen, immer die gleichen Fragen, und dann deine Wut, die Glut, die in dir schmort, meist an einem gut versteckten Ort, hinter steifwangigem Lächeln und einem Hecheln nach Ruhe und dem Wunsch nach einer festverschlossenen Truhe, in die du all deine Gefühle einsperren kannst.

Innerlich rennst du, schmeißt alle Fenster mit Schwung zu, durch die man in dein Gefühlsleben blicken könnte, wenn du dich unbeobachtet wähnst.

Das Fiese am Verbittern ist, dass dich dabei von innen die Sehnsucht auffrisst, nach dem Leben, wie es einmal war, als alles noch voll Freude geschah. Du zitterst mit mühsam rückgehaltener Kraft, presst den Schaft deiner Flip Flops zwischen deinen Zehen zusammen, kochst das Glück deines Lebens nur noch auf Sparflamme, verziehst dich einsam in deine Kammer und hoffst, dass bald von alleine der Mensch deiner Träume bei dir anklopft. Sonntagmorgens liegst du im Bett, ärgerst dich, der Verkäufer gestern war doch so nett, doch du konntest nur daran denken, ja kein Lächeln umsonst zu verschenken.

Der Penner ums Eck, du nennst ihn Ken in deinem Kopf, jedes Mal, wenn du an seinem Versteck vorbeiradelst, wo in einem einsamen Topf eine Avocado gedeiht, bereit, die Blätter gen Sonne zu heben, wäre es nicht Winter und der Wind hier draußen hinter den Mülltonnen zu kalt für Avocados. Aber das kümmert dich nicht, Ken hat bestimmt auch seine Kuschel-Bros, und du wolltest einfach auch schon immer eine Avocadopflanze großziehen, kann ja anscheinend nicht so schwer sein. Jeden Tag siehst du die grünen Blätter, ja, sie werden ocker, ja, dann braun und ja, schließlich tot, und auch der Hut mit ein, zwei Münzen darin ist plötzlich fort. Du hast noch nie etwas hineingeworfen, obwohl du Ken quasi persönlich kennst, verdammt, du wusstest, du verrennst dich da in was, als du ihm den Namen gegeben hast!

Du läufst zur Schule, zur Uni, zum Job, siehst top aus, bist top gekleidet, hast Topträger unter deinen Tragegurten, die nicht nur deine Bücher, sondern die Last der ganzen Welt, und alles, was sie zusammenhält, schultern auf eben den deinen. Dir ist zum Weinen zumute, du weißt nicht wieso, aber die Plakate rufen es dir entgegen: Armut, Hunger, Krieg, die Welt geht zugrunde, die Klimaerwärmung siegt. PMS, Migräne, Grippe und AIDS, und daneben die freie Kirche mit Werbung für den richtigen faith.

Du suchst nach Halt und hältst dich dabei zu fest an deinen Mitmenschen. Es verschwimmen die Grenzen zwischen dem, was du bist, und dem, was sie sagen, das es ist, was du bist. Du springst mit ihnen in die Kiste, lässt niemals was anbrennen, doch wenn das Feuer aus deiner Streichholzschachtel übergreift auf die Seiten, willst du nur noch davonrennen. Du hörst die Sirenen, das flackernde Rot wird blau, und du weißt, wenn sie sich anstrengen, wandert vielleicht jemand hierfür in den Bau. Aber du wirst es nicht sein, dein Schicksal ist es, im Verborgenen zu wirken. Du hinterlässt keine Spuren, sollen sie doch nach dir suchen, das gibt dir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, auch wenn du niemals im Schein der Öffentlichkeit berühmt sein wirst

Dein Leben ist Unschuld, dein Leben ist Schönheit, dein Leben ist "Du hast alles, was man braucht", doch dann faucht es wieder in deinem Herzen. Es sind fast körperliche Schmerzen, unbedingt noch etwas zu bewegen in diesem Leben.

Deine Spiegelung im Wasser auf dem Asphalt. Es sind nur Sekunden, bis es wieder knallt, und dann liegst du am Boden, siehst bunte Farben vor deinen Augen tanzen. Es sind die Seifenblasen der zerplatzten Träume deiner Jugend, was du alles versäumt hast zu tun, denn jetzt hast du nicht mehr die Möglichkeiten dazu. Es fehlt dir an Geld, an Mut, an Liebe und Zeit. Viel zu viel hast du dagegen von Wut, Ungeduld und Einsamkeit.

Verliebte Menschen sind Menschen, die sich verlieben wollen. Du dagegen schöpfst lieber aus dem Vollen deiner eigenen Emotionen. Wer kann schon was für die Nachbarn, die neben einem wohnen? Da, wo du nen Schrei gehört hast letzte Nacht, als sei etwas Großes, Schweres und Lebendiges gegen die Wand gekracht.

Du siehst dich noch vor dir im Alter von fünf: Schultüte in der Hand, ein Kind, das verlassen da stand auf dem Hof. Du dachtest schon damals, die anderen fänden dich doof. Du fragtest so lange, bis sie es schließlich gestanden – wozu also warten, wozu dann noch fragen, wenn ihre Gedanken schon damals so offen vor deinen Augen lagen.

Nun sind schon viele Jahre vergangen, und du fragst dich dann und wann, weshalb du geworden bist, wer heute hier steht, und dann doch jedem Rede und Antwort gibt. Du fragst dich diesmal selbst, und bekommst die Antworten doch noch immer von draußen: Du hast dich verändert, bist so; wie du immer schon warst; Oma wusste, was du einmal werden würdest, als du noch im Baggi saßt; und deine Arbeitsfreunde heute, die interessieren sich nicht für das Gebäude, in dem du geboren wurdest. Oder für die Zeit, die vermeintlich alle Wunden heilt, und die da war, noch vor deinem Leben in diesem Büro. Du warst halt doch "bestimmt schon immer so".

Aber noch siehst du die Sterne, zählst bis hundert und versuchst dir vorzustellen, wie es wohl wäre, dort in der Ferne noch einmal bei Null anzufangen. Und deshalb brennst du die alte Welt nieder. Alles ist besser, als überhaupt nichts zu fühlen. Die Lider deiner Augen schließen sich vor dem Graus da draußen in der Welt, und wenn es endlich wieder dunkel wird, verkriechst du dich in dein hasserfülltes Schneckenhaus. Wie es sich gehört, für eine graue, oder braune Maus.

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